Entrada und Tag der Schüler

Samstag, 01.10.2016

 

Hallo zusammen,

 

und schon wieder sind vier Wochen schneller als gedacht vorüber. Für viele meiner WG-Mitglieder war der Höhepunkt des vergangenen Monats die entrada, bei der die Schutzpatronin von Sucre geehrt wird, la Virgen de Guadalupe.

Für ein Wochenende wird gesungen, getanzt und natürlich viel getrunken. Um an den Umzügen auf der Straße teilnehmen zu können, haben sich die Mädchen meiner WG einen Monat lang täglich unter der Leitung eines Tanzlehrers vorbereitet. Die Kostüme wurden eigens von einer Schneiderin angefertigt, dann mussten noch Masken und Schuhe her und es konnte losgehen. Ich selber konnte leider nicht in die Stadt, weil ich mir den Zeh gebrochen hatte, aber selbst von zuhause aus ist es unmöglich nichts von der entrada mitzubekommen. Für die Tänzerinnen war es wohl sau anstrengend, weil sie fünf Stunden am Stück mit Kostüm und Maske tanzen mussten. Die Jungs haben die Show genossen und sich von der tollen Stimmung mitreißen lassen, die während dieser Tage die ganze Stadt verzaubert hat.

Außerdem haben wir unsere erste Wochenendreise nach Santa Cruz unternommen, sprich 14 Stunden von Freitag auf Samstag hin und in der Nacht auf den Montag wieder zurück. Über die Busfahrten habe ich ja schon geschrieben, aber dementsprechend haben wir nicht so viel geschlafen dieses Wochenende. Grund dieser Reise war eine riesige Expo , bei der alles von Lastwagen bis Kühe ausgestellt wurde. Wir hatten eigentlich mit ein paar Konzerten gerechnet, aber leider wurden wirklich nur Waren ausgestellt ( nichtsdestotrotz war es spannend). Wir hatten zudem ein paar Stunden Zeit uns das Zentrum von Santa Cruz anzuschauen und auch wenn es ganz schön war, gefällt mir Sucre deutlich besser. Sucre ist sehr überschaubar, die Straßen sind relativ schmal und alles ist aufs Zentrum und den Markt ausgerichtet. In der Millionenstadt Santa Cruz verliert man sich ziemlich schnell und der amerikanische Stil ( z.B sehr breite Straßen) unterscheidet sich deutlich vom Kolonialstil Sucres.

Schließlich wurde letzte Woche der dia de estudiante gefeiert, bei dem die Schüler und Studenten im Mittelpunkt stehen. Die Lehrer bereiteten dafür den Schülern eine Show vor, dann durften die kleinen Racker selber tanzen und schließlich wurde in den einzelnen Klassen gegessen. Normalerweise wird essen mit nach Hause genommen, was man in Restaurants oder sonst wo außerhalb nicht schafft. Die Lehrerin betonte jedoch, dass heute das Essen ausdrücklich für die Schüler gedacht ist und der Rest nicht den Familien überlassen werden soll. Dass mag erstmal befremdlich wirken, aber Essen spielt hier immer noch eine wichtige Rolle und ist nicht überall im Überfluss da. An den Schulen beispielsweise bekommen die Schüler ein vom Staat bereitgestelltes Frühstück, was für einige die einzige Mahlzeit am Tag bleibt.

Ich jedenfalls habe mit den Lehrern einen traditionellen Tanz vorgeführt, bei dem ich einfach irgendwie mit meinen Füßen getippelt habe :D

 

Ansonsten läuft es auf meiner Arbeitsstelle mittlerweile besser, ich habe langsam den Dreh raus , wie ich den Unterricht interessant gestalte und mich gut vorbereite. Das ändert leider trotzdem nichts daran, dass ich größtenteils auf mich alleine gestellt bin und häufig auch alleine im Klassenraum stehe. Häufig ist es so, dass die Arbeitsatmosphäre einfach chaotisch ist, weil die Schüler alle was an die Tafel schreiben wollen und mich dann auf einmal 15 schreiende Schüler umringen. Das ist zwar anstrengend , aber auch putzig und gegen die Motivation habe ich grundsätzlich nichts einzuwenden. Nur bei einer einzigen Klasse ( von 20) habe ich das Gefühl, dass sie mich nicht respektieren und keine Lust auf meinen Unterricht haben. Eigentlich habe ich gesagt, dass ich diese Klasse nicht mehr unterrichten werde, aber es sind nur die Jungs, die stören, die Mädels wollen unbedingt weiterlernen. Nun kann ich nicht die Hälfte der Klasse rausschmeißen, also werde ich einfach in den sauren Apfel beißen und mit denen arbeiten, die tatsächlich lernen wollen. Auch mit den meisten Lehrern komme ich gut klar, manche haben verstanden, dass ich Unterstützung im Unterricht brauche, andere nicht, aber nett sind eigentlich alle. Auch hier gibt es wieder nur eine Ausnahme. Mich stört es dabei gar nicht, dass der Lehrer nicht meinen Gruß erwidert und böse guckt, sondern dass er mehr oder weniger gesagt hat, in seiner Klasse werde ich nicht unterrichten. Auch dass kann ich ihm nicht verübeln, weil die Lehrer Zeit von ihrem Unterricht abzwacken, aber ich habe die Schüler bereits ein paar Stunden unterrichtet und sie freuen sich darauf, Englisch zu lernen. Insofern ist es einfach schade. Alles in allem ziehe ich aber aus dem letzten Monat Arbeit eine positive Bilanz. Die meisten anstrengenden Momente werden ziemlich schnell von den schönen Momenten wett gemacht. Eine Klasse hat beispielsweise ein Plakat und Kuchen an meinem achtzehnten Geburtstag vorbereitet und in den manchen Klassen würden sie sogar am liebsten noch die Pause durcharbeiten.

Wie ich bereits erwähnt habe, gibt es an meiner Schule eigentlich gar keinen Englischunterricht, weil es keine Englischlehrer gibt. Deshalb sind die Kinder auch nicht verpflichtet, sich ein Englischheft anzuschaffen bzw. manche könnten sich das auch gar nicht leisten. Ich unterrichte so gut es geht mit der Tafel und Stift und muss ansonsten kreativ sein, sprich Spiele, Lieder und Geschichten mit einbauen. Das klappt auch ganz gut während dem Unterricht, aber um zu Hause zu lernen fehlt den Schülern ein Heft, das ihnen einen roten Faden bietet und sie motiviert. Ein Heft kostet umgerechnet max. 2,50 Euro. Aus diesem Grund werde ich ein kleines Projekt starten und Spenden für Englischhefte sammeln. Denn die Erfahrung der vergangenen Freiwilligen zeigt, dass beim Unterricht wie bisher leider viel zu wenig hängen bleibt, was sowohl für Lehrer als auch Schüler frustrierend ist. In meinem nächsten blog werde ich den Link zu meiner betterplace-Seite teilen und würde mich riesig freuen, wenn ihr mir helfen könntet diese ein wenig bekannter zu machen !

 

In meiner Freizeit war ich vor allem durch das Kickboxen eingebunden. Das ging soweit, dass ich dem Trainer gesagt habe, entweder er handhabt das bei uns was lockerer, oder wir suchen uns was anderes. Denn eigentlich muss man an fünf Abenden die Woche anwesend sein und dieses Wochenende hätten wir den gelben Gürtel in Muay Thai machen sollen. Das macht auch alles viel Spaß, aber in erster Linie sind wir hier Freiwillige, die arbeiten und was von Bolivien sehen wollen und keine Muay Thai Profis. Also dürfen wir jetzt kommen, wann wir wollen und müssen die Prüfungen nicht machen. Ansonsten suche ich hier fieberhaft nach einer Zeichenschule, da ich mir für das Jahr vorgenommen habe, meine künstlerische Seite zu entdecken:D

 

Ab nächster Woche werde ich auch mit meiner Nachmittagsarbeit beginnen. Eigentlich hätte ich in einer Hausaufgabenbetreuung arbeiten sollen, aber diese Arbeit ist mir der am morgen zu ähnlich. Deswegen werde ich mit der esquela movil der Jugendeinrichtung CERPI auf die Dörfer hinausfahren. In der Umgebung außerhalb Sucres, also auf dem Land, fährt die mobile Schule täglich einen unterschiedlichen Ort an, bringt Spielsachen mit und betreut die Kinder. Unterrichtet werden sie eigentlich nicht, aber für die meisten ( auf dem Land sind dieVerhältnisse deutlich prekärer) ist dieser eine wöchentliche Nachmittag das Highlight. Wie ich es verstanden habe, wird nächste Woche ein kleines Projekt mit verschiedenen Stationen zum Thema Ernährung gestartet. Gerade bei den kleinen Kindern ist da noch viel Aufklärungsarbeit nötig; viele haben keine Zahnbürste, auch wenn sie nicht besonders viel kostet, und geben viel zu viel Geld, wenn sie welches haben, für Süßigkeiten aus. Dementsprechend haben zumindest bei mir an der Schule manche schon Kinder der 2. Klasse schwarze Zähne oder nur noch Stummel. Ab und zu beherbergt das Hostel, in dem wir wohnen, Zahnärzte aus Deutschland, die raus auf dem Titicacasee fahren, um dort die Bevölkerung zahnärztlich zu versorgen. Diese haben gesagt, dass es zwar einige Zahnärzte in den Großstädten gibt, diese aber die Zähne sehr schnell einfach ziehen; sie wieder herzurichten würde für sie finanziell keinen Vorteil bringen. Auf jeden fall freue ich mich sehr auf meinen zweiten Job und werde in Kürze berichten !

 

Das wars so weit zu den letzten Wochen, machts gut und bis demnächst!