Berichte von 08/2016

Sport, Streichen und Schule

Donnerstag, 25.08.2016

 

Die letzte Woche drehte sich größtenteils darum, Plätze oder Vereine zum Sport treiben zu finden. Das mit den Plätzen ist so ein Ding, da Sucre größtenteils abschüssig liegt und es daher schwierig ist einen großen Sportplatz anzulegen. Footsal, also Fußball auf kleinen Plätzen und mit einem schwereren Ball ist deswegen um einiges populärer als der Fußball den wir kennen. Trotzdem sind wir fündig geworden: Die katholische Gemeinde bei uns um die Ecke besitzt einen dringend renovierungsbedürftigen Sportplatz, den wir benutzen dürfen, wenn wir ihn streichen. Also haben wir uns Farbe gekauft und am Samstag bei glühender Hitze das Footsalfeld fertiggestellt; nächste Woche geht es mit dem Basketballplatz weiter.

Nach meiner ersten Runde Basketball letzte Woche hatte ich nach einer halben Stunde einen Blutgeschmack im Mund und musste mich fast übergeben. Obwohl wir uns schon einige Tage akklimatisiert hatten, dachte ich in 2800 Metern Höhe genauso wie in Deutschland starten zu können, was natürlich nicht funktioniert hat;) Dasselbe galt für das Joggen, wobei unsere Pläne jedoch schon früh von Straßenhunden durchkreuzt wurden, die uns verfolgt haben. Straßenhunde sind gewöhnlich in Sucre und an sich auch nicht gefährlich, aber da der Großteil von ihnen Tollwut hat sollte man sich lieber nicht mit ihnen anlegen. Somit wurde das Joggen zum Sprint:D

Mein persönlicher Sportplan ist, mich in einem MMA-Studio anzumelden, bei dem ich gestern ein Probetraining gemacht habe. Der Dojo-Boss ( er hat irgendeinen speziellen Namen) ist streng und das Training hart, aber in der Gruppe macht es viel Spaß.

Was uns alle plagt und mich mit meiner gesundheitlichen Vorgeschichte insbesondere ist Erkältung, da es morgens und nachts sehr kalt ist und man die Erkältung leider sehr schwer wieder los wird. Aber dafür gibt es Koka-Tee!

Der Höhepunkt des Wochenendes war die Wanderung des sogenannten Inka-trails. In der Regel bucht man sich einen Guide, aber die meisten von uns hatten keine Lust soviel Geld auszugeben, weswegen wir uns auf eigene Faust auf den Weg machten. Unsere Orientierung hörte schon an dem Punkt auf, als wir das zweite Mal mit dem Bus umsteigen mussten, um auf die Bergspitze zu gelangen ( man wandert herunter, was auf 3300 Metern wirklich anstrengend ist). Denn in dem Ort sollte uns eigentlich ein Bus die letzte Etappe hochbringen, war aber weit und breit nicht zu sehen. Als uns dann der Fahrer eines Lasters mit einigen bolivianischen Bauern hintendrauf anbot uns mitzunehmen, sind wir kurzerhand mit aufgesprungen. Schon fünf Minuten später, als wir uns es gerade mehr oder weniger gemütlich gemacht hatten, bereuten die meisten die Entscheidung; ein Stier sollte uns auf dem Weg begleiten. Nun ging es langsam und ruckelig die schmalen Serpentinen hoch, bis ein anderer Laster mit einem Platten uns den Weg versperrte. Hier wollten wirklich einige Mädels abspringen, weil es rechts neben uns bergab ging und es schier unmöglich schien den anderen Laster zu überholen. Sie sind natürlich nicht zu Fuß gegangen und irgendwann sind wir oben angekommen:D

Der Wanderweg war grandios, die Aussicht auch, ich denke in dem Fall sagen die Fotos tatsächlich mehr aus als Tausend Worte. Zurück ging es dann nochmal eine Stunde stehend im Bus und sofort ins Bett, weil uns am Montag der erste Arbeitstag erwartete.

 

Der erste Arbeitstag. Mir war bewusst, dass mir als Europäer in der Schule viel abverlangt werden wird und dass die Lehrer nicht besonders gut Englisch sprechen. Aber was mich erwartete übertraf alle Erzählungen. Ich sprach ( und spreche immer noch nicht mehr) nur ein paar Sätze Spanisch, hab noch nie unterrichtet, geschweige denn studiert und kannte die Kinder noch nicht. Ich ging in den Klassenraum der sechsten Klasse und die Lehrerin fragte mich:

Was willst du unterrichten?

Also ich bin eigentlich hier, um im Englischunterricht zu helfen.

Alles klar, dann fang Mal an.

Womit?

Was du willst.

Jetzt dachte ich, die Lehrerin würde mir ansatzweise helfen immerhin die Klasse zu kontrollieren, aber falsch gedacht. Nicht nur musste ich mir irgendwas aus der Nase ziehen, weil ich natürlich nicht auf 1,5 Stunden Unterricht vorbereitet war, aber die Lehrerin setzte sich einfach in die Ecke, schaute zu und ging zwischendurch sogar raus. Die Kinder liefen durch den Klassenraum, rauften miteinander und redeten während ich vorne stand. Soviel zu meiner ersten Stunde an der Schule. Die andere Klasse an diesem Tag war jünger, aber genauso wild wie die vorherige. Auch hier war ich auf mich alleine gestellt, aber die Kinder kamen nach dem Unterricht alle zu mir und umarmten mich, wodurch es mir was besser auf dem Heimweg ging. Auch auf dem Schulhof liefen die Kinder auf mich zu und umarmten mich oder riefen meinen Namen und gaben high 5. Dies gab mir solange Trost, bis ich am Nachmittag den Unterricht für den nächsten Tag vorbereiten musste. Der zweite Tag verlief zum Glück besser, ich musste zwar selbständig wieder zwei Klassen für je 1,5 Stunden unterrichten, aber die Lehrerinnen halfen mir die Klassen zu kontrollieren. Als ich in den Klassenraum trat jubelten die Kinder und sie arbeiteten so gut es ging mit, weswegen ich an diesem Tag mit einem Lächeln nach Hause ging.

Momentan bin ich mir nicht sicher, wie ich das ganze einschätzen soll. Auf der einen Seite hätten die Kinder ohne mich gar kein Englischunterricht, die Schule liegt in einem armen Bezirk und mein Mentor meinte, dass es an den meisten staatlichen Grundschulen ( die im übrigen bis zum 12 Lebensjahr gehen) keine Englischlehrer gibt. Außerdem merke ich, wie sehr sich die Lehrer und Schüler sich freuen, mich an der Schule zu haben. Auf der anderen Seite bin ich nach Bolivien geflogen in der Erwartung, einen Lehrer im Englischunterricht zu unterstützen und nicht selber als Lehrer zu arbeiten, weswegen ich zur Zeit noch mit der Situation etwas überfordert bin.

Ich habe nicht vor, die Einsatzstelle zu wechseln, aber trotzdem werde ich je nachdem wie sich das ganze entwickelt reagieren.

Danke für euer Interesse und bis bald!

Jakob

 

Ankommen in Sucre

Montag, 15.08.2016

 

 

Hallo zusammen,

 

seit einer Woche bin ich jetzt in Bolivien und da schon einiges passiert ist versuche ich einfach Mal so knapp wie möglich die Ereignisse der letzten Tage zusammenzufassen . Nach 28 Stunden Flug und einer kurzen Nacht in Santa Cruz begann unser erstes Abenteuer: Die 18 stündige Busfahrt von Santa Cruz nach Sucre. Lange Busfahrten gehören zum Alltag in Bolivien, da die ländlichen Straßen für viele Autos nicht gut genug ausgebaut sind und es keine Eisenbahn gibt. Dass Bolivien zur Weltspitze gehört, was die Unfallrate der Busse angeht und unser Bus von außen ziemlich klapprig aussah, stärkte nicht gerade unser Vertrauen in die kommende Fahrt. Die Sitze waren jedoch überraschend bequem und wir wurden mit einem grandiosen Panorama belohnt, sodass ich zum ersten Mal seit dem Abflug entspannen konnte. Da wir während der Busfahrt über 2300 Meter bezwingen mussten ( Sucre liegt auf etwa 2800 Metern), ging es die meiste Zeit bergauf. Den ersten Schock bekam ich, als ich nach wenigen Stunden Schlaf aufwachte und feststellen musste, dass es stockdüster war, die Straße nur wenige Meter breit und rechts neben uns ein gähnender Abgrund! Beruhigend waren auch nicht die Kreuze, die an jeder Kurve standen . Trotz allem kamen wir glücklich, aber übermüdet in der Frühe in Sucre an und wurden von einem strahlend blauen Himmel ( ich habe bis jetzt noch keine einzige Wolke gesehen), eisiger Kälte ( morgens sind es nicht mehr als fünf Grad) und unserem Mentor empfangen.

An dieser Stelle muss ich kurz das Visa-Prozedere erwähnen: Dieses dauert mehrere Wochen an, besteht aus verschiedenen Behördengängen, sowie medizinischen Untersuchungen und erinnert an Franz Kafka ( liebe Grüße an Herrn Tschierske); man weiß nie, wann man zu den Behörden gerufen wird, manchmal bekommt unser Mentor mehrere Tage keine Rückmeldung und dann sollen wir innerhalb von einer halben Stunde vor Ort sein. Daher können wir uns hierbei schon Mal in der bolivianischen Gelassenheit und Flexibilität üben, die wir mit Sicherheit auch bei der Arbeit brauchen werden.

Das Highlight der letzten Tage war der Markt im Zentrum der Stadt; hier bekommt man eigentlich alles, von Klamotten über Waschmittel bis zu Ziegenköpfen und vor allem alles um einiges günstiger als im Supermarkt. Noch nie in meinem Leben hab ich so viele Obstsorten an einem Fleck gesehen! Also konnte ich nicht umhin mir einen jugo ( eine Art Smoothie) und mehrere Früchte zu gönnen. Außerdem konnte ich auf dem Markt bei den freundlichen Verkäuferinnen endlich meine ersten Brocken Spanisch anwenden und bekam neben dem Essen manchmal noch nützliche Hinweise und Tips.

Als gringo, der den ordentlichen deutschen Verkehr gewohnt ist, bin ich immer noch etwas überfordert mit dem Verkehr; nach welchen Regeln Vorfahrt gewährt wird und und warum auf den Straßen überhaupt Zebrastreifen aufgemalt sind wird sich mir wahrscheinlich nie erschließen. Gelernt habe ich jedenfalls, dass wenn man am Zebrastreifen wartet bis ein Auto hält, die andere Straßenseite wahrscheinlich für immer unerreichbar bleibt;D Daher hilft nur eine ordentliche Portion Entschlossenheit und Mut. In einem Jahr werde ich mich auf den deutschen Straßen langweilen ;)!

Das wars soweit zu den ersten Eindrücken in Bolivien, machts gut und bis demnächst!